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Einladung zum Blick ins Innere

Ausstellung vom 7. bis 16. September 2007
Rauminstallation von Nele Ströbel in der Kapelle St. Stephan (sog. „Alter Dom“) am Regensburger Domkreuzgang

Offene Mauern


Hinter der spitzbogigen Pforte im Regensburger Domgarten öffnet sich die Mittelhalle des Kreuzgangs, ein Relikt der romanischen Domanlage. Das Mortuarium mit seinen zahlreichen Grabmälern und Bildwerken, Grablege der Domgeistlichkeit, Innen- und Außenraum zugleich, wird geprägt durch das gotische Kreuzrippengewölbe.

Vorbei an der um 1160 errichteten Allerheiligenkapelle führt der Weg nach St. Stephan an der Nordseite des Kreuzgangs. Die Kapelle aus dem 11. Jahrhundert gehört mit ihrer ungeklärten Frühgeschichte zu den rätselhaftesten Kirchenbauten der Stadt. Mit ihrer Nordmauer stößt sie an die Römermauer an.

Ein Geheimnis birgt auch das zentrale Denkmal in St. Stephan. Der Altar in der Ostapsis, ein mächtiger Kalksteinblock, ist von unten her ausgehöhlt. Acht rundbogige Fensterchen mit kreuzförmiger Unterteilung an der Vorderseite und je eines an der Nebenseite gliedern ihn. Eine kleine Öffnung an der Rückseite macht das Innere des Altars bedingt zugänglich. Stand er einst über einem Bodengrab? Bewahrte er Reliquien? Die Fragen sind letztlich ebenso unbeantwortet wie sein Alter. Die Archäologin Dr. Jutta Dresken-Weiland datiert ihn ins 8./9. Jahrhundert, hält ihn damit für den möglicherweise ältesten Altar in Deutschland.

Die außergewöhnliche Ausstrahlung der Stephanskapelle, in Regensburg auch „Alter Dom“ genannt, mit ihrem Kastenaltar war für die Münchner Bildhauerin Nele Ströbel Inspiration für ein Kunstprojekt. Anlässlich des Tags des offenen Denkmals am 9. September 2007 mit dem Motto „Historische Sakralbauten – Orte der Einkehr und des Gebets“ wurde es verwirklicht.

„Offene Mauern“ hieß die Ausstellung von Nele Ströbel. Sie griff die Formen des mächtigen Kalksteinaltars aus dem Frühmittelalter auf und gestaltete einen Raumklang zwischen der inneren und der äußeren Welt des Betachters. Aus dem elementaren Medium Ton und technisch übersetzten Projektionsbildern entstand eine spannungsreiche Komposition.

Die „offenen Mauern“ ergänzten die halbrunden Wandnischen in St. Stephan zum Kreis. Sie bestanden aus weißen Tonquadern, die durch Perforationen an den Seiten den Blick hinein ermöglichen. Durchleuchtet wurden im Innenraum der Quader malerische Kompositionen aus tönernen Kugeln, Spiralen, Bändern und Zylinderkörpern sichtbar, aus der gleichen weißen Schamotte wie die Außenhaut modelliert und gebrannt. Die entstandenen Räume und der Blick nach innen luden ein zur Kontemplation, zur „Beschauung“. Projektionen von der Empore aus bildeten einzelne Innenräume in kreisender Bewegung in den gesamten Kapellenraum ab. Räume im Raum entstanden und vergingen.

Als weitere Ebene schuf Nele Ströbel „Raumhälften“, die zweigeschossige Innenräume im Schnitt darstellten. Sie untersuchten das Innere der Mauersteine und zeichneten es präzise nach. Die Terrakotten, im Quadrat vor den Altarstufen ausgelegt, gewährten nicht nur neue Einsichten. Sie lenkten den Blick auch zurück zu den umgebenden Kapellenwänden: Mit Wasser gefüllt spiegelten die Steinskulpturen die Raumkörper und Projektionen wider.

Es war diese spannende Begegnung, die dem Besucher zum unmittelbaren Erleben einlud, die Begegnung im Zwischenraum – zwischen außen und innen, zwischen privatem Blick und öffentlicher Perspektive, zwischen analogen und digitalen Vermittlungsformen, zwischen Handwerk und technischer Überhöhung, zwischen weich schwebenden Lichtlinien und strenger Geometrie, zwischen sakralen Prägungen und profanen Bildern, zwischen vorgegebener frühmittelalterlicher Formensprache und dem kreativen Spiel, sie ins 21. Jahrhundert fortzuführen.

Nele Ströbels Steine machten neugierig, ihre Mauern grenzten nicht ab und aus, sondern luden ein. Sie forderten heraus zu eigenen Gedanken über den jenseitigen Raum mit seinen Geheimnissen. Die Gucklöcher in den Terrakotten mit Normziegelmaßen ließen einen Blick erhaschen auf ein Inneres, das sich in glaubender Vorstellung zu einem vollkommenen Ganzen formt. Die Lichtinstallation erhellte, was beim oberflächlichen Blick verborgen schien.

Nele Ströbel setzte ihre Faszination für den klaren, kraftvollen Sakralraum St. Stephan in zeitgenössische Zeichen und Symbole um. Ihr Werk ist respektvolle Konfrontation mit Glaubenszeugnissen der Geschichte und Hoffnungen der Gegenwart. Ihre Mauern verbinden Kunst und Leben, gestalteten in der mittelalterlichen Kapelle einen aktuellen Ort der Einkehr.


 

 

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