0941 / 597-2530 | Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! | Obermünsterplatz 7 - 93047 Regensburg

Kunststation St. Jakob, Ihrlerstein

„Bilder, die den Atem halten“

Tafelbilder nennt Alois Achatz seine Ausstellung in der Jakobuskirche in Ihrlerstein. Ein gut Teil der gezeigten Kunstwerke sind auf Holztafeln zumeist kleinen Formats eingetragen: „Auf" stimmt und „ein" ebenso. Denn die Farbe, das Bild, liegt auf dem tafelhaften Träger, ist aber nicht bloße „Auflage", sondern in den Kreidegrund ein-gewirkt, eingedrungen, gleichsam eingraviert, wie es vom Künstler in seinen graphischen Arbeiten, etwa in den Radierungen geschieht. „Tafelbilder" haben seit den Anfängen der Ikonenmalerei im ausgehenden christlichen Altertum Ort, Raum und Bedeutung in den Kirchen gefunden. Dort gewann das Tafelbild im Westen während des Mittelalters seine Stellung und Würde als wesentlicher Bestandteil des Altarretabels. In unseren Kirchen und in den Museen begegnen wir dieser Kunst. Auch wenn in der Renaissance die Tafelmalerei vom Altarbild unabhängig wurde und heute nicht gerade häufig Tafelbilder für Gotteshaus und Gottesdienst geschaffen werden – auch nicht die Bilder von Alois Achatz – wirkt der Raum St. Jakobus diesen Gemälden doch wie vertraut - und sie entbergen da eine eigene Seite ihres Angesichts. Echte Kunst ist ja nicht ins Luftleere gehängt, sondern existiert im Raum, den sie betritt und beschaut, den sie geistig durchmisst, mit dem sie gleichsam spricht, von dem sie selbst berührt und gewandet wird. So ereignet es sich an den Werken und durch die Werke von Alois Achatz in Ihrlerstein: In der Figuration und im Farbcharakter der Gemälde, in den Objekten.

Es sind Bilder, die den Atem halten, die in einem atemleeren, atemgefüllten Auszeitmoment sind, da sich nichts rührt, nichts begibt, nichts spricht- und gleich, fast im Jetzt: der Sprung, das Wort, der Blick der Tafel: Eines hebt sich, es schaut, es wird berührt. Gespannte Bilder, gespannte Augenblicke, Innehalten vor der Belebung. Es sind nicht „atemlose" Bilder - das wären gehetzte Bilder. Diese kleinen Gemälde haben vielmehr den Moment, da das Bild ganz ins Auge tritt, innehält, bis es in der Zeit wahrgenommen wird - zeitloser Zeitpunkt in der monochromhaften Farbgebung.

Die Maltechnik ist für all dies wichtig: Das Schleifen des Kreidegrundes lässt Zufälliges im Bild geschehen und wieder genau Gewolltes, graphikartige Unreinheiten: die ganz normale Realität des künstlerischen Werkprozesses. Oder einige Holzflächen werden einfach bemalt, nur der Malgrund wirkt dann ihre Lebendigkeit. Anders – aber mit eigenem Ton die gleiche Melodie aufnehmend - etliche Übermalungen: Über Papiercollagen wird Kreidegrund aufgetragen und bearbeitet, dann geschieht der Farbauftrag – und Realität entsteht, die wahrgenommen werden will: Wie bei den Photoarbeiten, Heliogravüren, Radierungen treten Landschaften auf, hoher Himmel und Horizont, Baumstämme, Feldflecken; ein Haufen erinnert an Arnulf Rainers Graphiken Landschafts-herbst, Heu, Strauch. Achatz malt etwas wie Landstücke: Welt- und Zeitrealität.

Um die Nähe zur Realität geht es dem Künstler Alois Achatz in seinem ganzen Werk. Es ist keine abstrakte Kunst, sondern eine Art von „konkreter Kunst". Dazu helfen die reduzierten Formen. Auch darum sind die Achatzwerke überschaubar, in einem Schauen anschaubar; ein Ganzes; ein Wort, ein prägnanter Satz; sie sind Gedichthaftes - nicht Aufsätze fürs Feuilleton, kein ausführlicher Reisebericht. Aber Poesie, ins Schwarze gehüllt, sich daraus entbergend. Sie fordern vom Künstler viel Zeit zur Vorbereitung - gedanklich wie technisch - viel mehr als in der Ausführung. Eine Art Grundlagenforschung geht der Bildgestaltung voraus, der Prozeß des Suchens und Sehens, ein „Umschreiten" der Idee, und oft noch die Wandlung. Und als poetische Gemälde verlangen die Arbeiten Zeit vom Betrachter: Zeit und Offenheit, um sich in den Gedichtklang einzuhorchen. Karl Schleinkofer, der in seinen Arbeiten einer inneren Realität in Raum und Zeit nachgeht, sagt es im erwähnten Katalog: „Zeit vertan - Licht gewonnen."

Zu den Tafelbildern hat Alois Achatz räumliche Objekte in den Raum gegeben. Diese Skulpturenkästchen erinnern mich an die „Eingerichte" von Walter Zacharias, in denen der Regensburger Meister das Abgelegte, Brüchige, das unbeachtete Kleine und Geringe in der Art von Reliquienkästen in eine bewahrende und aufrichtende Lebensgestalt gebracht hat. Die Kastenskulpturen von Alois Achatz sind klarer, aber in ähnlicher Weise Schauen und Denken anregend, die Realität des vergehenden und zerbrechenden Menschlichen zeigend: spielend, zart, wie auf Zehenspitzen zum Tanz bereit, zur Berührung fähig und willens: Es sind also Gestalten der Hoffnung, des Lächelns, der Möglichkeiten. Wert des Geringen.

Aus der Einführung von Josef Roßmaier zur Ausstellung